Selbstfindung bei Jugendlichen – Wer bin ich eigentlich?
„Wer bin ich?“ – kaum eine Frage scheint so einfach gestellt und gleichzeitig so schwer zu beantworten. Besonders Jugendliche ringen oft mit dieser Suche nach dem eigenen Ich, nach einem Platz in der Welt und nach einem Gefühl von Echtheit. Doch ist es überhaupt möglich, sich jemals ganz „gefunden“ zu haben? Oder ist das, was wir Selbstfindung nennen, vielmehr ein lebenslanger Weg, auf dem wir uns immer wieder neu begegnen?
Der Druck des ständigen Vergleichs
Der Druck des ständigen Vergleichs wirkt dabei oft leise, aber nachhaltig. Jugendliche vergleichen sich nicht nur mit ihren Freund*innen, sondern auch mit vermeintlichen Idealbildern aus Social Media und mit Erwartungen von Schule, Familie und Gesellschaft.
Da ist der 17-Jährige, der gefragt wird, welchen Weg er nach der Schule einschlagen will, während andere scheinbar schon genau wissen, was sie studieren oder welchen Beruf sie ergreifen möchten. Während er selbst noch spürt, dass vieles möglich, aber nichts wirklich fix ist, entsteht das Gefühl, zu spät zu sein oder etwas zu versäumen. Obwohl genau diese Unsicherheiten und Fragen eigentlich ein ganz natürlicher Teil des Erwachsenwerdens ist.
Oder die 15-Jährige, die sich täglich fragt, ob sie „richtig“ ist, so wie sie ist. In der einen Situation fühlt sie sich zu laut, zu präsent, zu viel. In der nächsten fühlt sie sich zu leise, zu unauffällig, zu wenig. Sie beobachtet, wie andere es schaffen, vermeintlich mühelos dazugehören, wie sie lachen, selbstsicher auftreten, sich zeigen, und beginnt, sich selbst ständig zu hinterfragen. Wie darf sie sein? Was davon ist wirklich sie? Und was nur eine Anpassung an das, was erwartet wird?
Diese Vergleiche lassen kaum Raum für das eigene Tempo und für die eigene Entwicklung. Sie suggerieren, dass es ein richtiges Maß, einen richtigen Zeitpunkt, eine richtige Art zu sein gäbe. Dabei übersieht man leicht, dass jeder Mensch seine Entwicklung in seinem ganz eigenen Rhythmus durchläuft.
Gerade deshalb ist es so wichtig, sich von diesen ständigen Vergleichen immer wieder zu lösen – zumindest für den Augenblick. Nicht um Antworten für das ganze Leben zu finden, sondern um das Hier und Jetzt wahrzunehmen und herauszufinden was sich stimmig anfühlt. Denn Selbstfindung entsteht nicht im Wettbewerb, sondern im ehrlichen Kontakt mit sich selbst.
Eine andere Frage stellen
Der Schlüssel könnte als darin liegen, keine endgültige Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu finden. Vielleicht ist es hilfreicher, sich stattdessen immer wieder zu fragen: „Wer bin ich gerade?“ und vor allem „Wie fühlt sich das an?“
Diese Haltung erlaubt, das eigene Sein als etwas Lebendiges zu begreifen. Identität ist kein festes Konstrukt, sondern etwas, das sich wandelt, mit jedem Erlebnis, mit jeder Erfahrung, mit jedem Fehler, mit jeder Begegnung und mit jedem Schritt ins Leben hinein.
Den Druck herausnehmen
In Gesprächen und Beratungen darf der Druck erst einmal kleiner werden. Es geht nicht darum, sofort die große Antwort auf alles zu finden. Viel wichtiger ist es, einen Moment im Hier und Jetzt anzukommen. Fragen, wie „Was tut mir gerade gut? Wann fühle ich mich echt? In welchen Momenten bin ich ganz bei mir?“ bieten unzählige Antwortmöglichkeiten und die Möglichkeit sich selbst kennenzulernen. Solche Fragen müssen nicht schnell beantwortet werden. Oft reicht es, sie einfach wirken zu lassen.
Selbstfindung beginnt genau dort: in dem Moment, in dem du dir selbst zuhörst – ohne dich zu bewerten und ohne das Gefühl, dich sofort verändern zu müssen. So, wie du jetzt gerade bist, darfst du auch erst einmal sein.
Ein Prozess, kein Ziel
Selbstfindung ist also kein Ziel, das man eines Tages abhaken kann. Sie ist ein Prozess, ein ständiges Fragen-Stellen, ein Spüren, ein ständiges Lernen und Loslassen, ein ehrliches Hinschauen und Weitergehen.
Oft reicht es völlig aus, innezuhalten und zu fragen: „Mag ich mich so, wie ich gerade bin?“ Wenn die Antwort ein zartes, aber ehrliches „Ja“ ist – dann ist man der eigenen Wahrheit vielleicht schon ein gutes Stück nähergekommen. Und falls die Antwort ein „Nein“ ist – dann ist dies der erste ehrliche und mutige Schritt im Kennenlernprozess mit sich selbst.
Die Welt gehört uns allen – fuck the patriarchy!
Eure Kathi

